Wer sich Gedanken über die Kombination zwischen Kunst und PC macht, der stößt schnell auf das Bildbearbeitungsprogramm und seine Möglichkeit, die Sicht auf die Welt nach den eigenen Vorstellungen zu verändern. Vielleicht ist der Grund hierfür, dass sich nach der Text- und Datenbearbeitung schnell die Bearbeitung von Fotos sowie Bildern am PC etablierte. Womöglich liegt es aber auch an der rasant gestiegenen Menge digitaler Aufnahmen, die durch eingebettete Kameras in beinahe jedem elektronischen Kleinstgerät weiter befeuert wird und so natürlich ein schier unerschöpfliches Reservoir an Gestaltungsvorlagen liefert.
Das Bildbearbeitungsprogramm und die Verfremdung
Seit dem deutschen Dramatiker und Lyriker Berthold Brecht (1898-1956) wird vor allem in Theater und Literatur von Verfremdungseffekten (V-Effekt) als einem literarischen Stilmittel gesprochen. Ein V-Effekt kann beispielsweise das Unterbrechen der Handlung durch Kommentare, Lieder oder Publikumsbeschimpfung sein und soll den Zuschauer so verwirren, dass bei ihm jegliche Illusion zerstört wird: Im Kern besteht der Verfremdungseffekt also darin, dem Betrachter vertraute Dinge in einem neuem Licht zu präsentieren, ihn damit wach zu rütteln, um so die Widersprüche der Realität sichtbar zu machen.
Wo beim Brechtschen Theater der starke Impuls zu Aufklärung und Veränderung des Menschen das Ziel ist, kommt die Verfremdung von Bildern am PC zunächst unprätentiöser daher. Denn es wird auch von Verfremdung gesprochen, wenn am PC Computergrafiken oder digitalisierte Fotos elektronisch bearbeitet werden – beispielsweise durch Tonung, Weichzeichnung, Verzerren, Stauchen, Veränderung der Farbsättigung sowie diverse Filter und Filtermakros. Der Einsatz von Filtern als Mittel der Verfremdung war zwar schon in der klassischen Fotografie möglich, doch das Spektrum in einem Bildbearbeitungsprogramm ist natürlich weitaus höher.
Dass die Verfremdung von Bildern häufig auch zu ökonomischen bzw. polischen Zwecken missbraucht werden können, ließ sich gerade erst wieder bei der Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko beobachtet. Auch sollte der Anwender aufpassen, wie sehr er die Realität verzerrt und ob er dies kenntlich macht, wie auch bereits in einem anderen Artikel zum Thema im MAGIX Magazin nachzulesen war. Denn was und wie verfremdet werden soll, ist dem User komplett selbst überlassen: Wer es lustig mag, kann damit beginnen, seinem eigenen Haustier ein fettes Grinsen zu verpassen. Selbstproduzierter Pop-Art ist vom heimischen PC ebenso einfach möglich und ganz im Sinne Andy Warhols sollte hier natürlich am Besten ein sehr bekanntes Motiv wie Marilyn Monroe oder eben der christliche Heiland in neuem Licht dargestellt werden. Ebenso einfach lassen sich mit dem Bildbearbeitungsprogramm Photo & Graphic Designer Personen oder Dinge in Bilder integrieren, von denen der Betrachter nicht erwartet, sie dort zu sehen.
Auch wenn nicht jede Verfremdungsarbeit an einem Bild einen aufklärerischen oder verändernden Impuls in sich trägt, so ist der Effekt der Verfremdung doch immer gleich. Oder wie Brecht es sagt: „Was ist Verfremdung? Einen Vorgang oder Charakter verfremden, heißt zunächst einfach, dem Vorgang oder dem Charakter das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende zu nehmen und über ihn Staunen und Bewunderung zu erzeugen“. Ob grinsender Hund, frisch kolorierter Heiland oder Sonnenstrom durch Glühbirne vor untergehender Sonne: Motive so zu verändern, dass sie eine neue Bedeutung bekommen, damit den Charakter des Selbstverständlichen verlieren und Staunen beim Betrachter erzeugen, ist heute nicht nur Dramatikern und Lyrikern vorbehalten, sondern kann mit dem richtigen Bildbearbeitungsprogramm jeder.







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